# Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter: Lukas 10,25–37 erklärt

> In Lukas 10,25–37 fragt ein Gesetzesgelehrter Jesus: „Und wer ist mein Nächster?“, um die Grenze seiner Verpflichtung abzustecken. Jesus antwortet mit dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter und verwandelt eine Frage nach Abgrenzung in den Ruf, selbst jedem Hilfsbedürftigen zum Nächsten zu werden.

> Er aber antwortete und sprach: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft und mit deinem ganzen Verstande, und deinen Nächsten wie dich selbst".
> — Lukas 10,27 (Elberfelder Bibel (1905))

> Indem er aber sich selbst rechtfertigen wollte, sprach er zu Jesu: Und wer ist mein Nächster?
> — Lukas 10,29 (Elberfelder Bibel (1905))

> Aber ein gewisser Samariter, der auf der Reise war, kam zu ihm hin; und als er ihn sah, wurde er innerlich bewegt;
> — Lukas 10,33 (Elberfelder Bibel (1905))

> und er trat hinzu und verband seine Wunden und goß Öl und Wein darauf; und er setzte ihn auf sein eigenes Tier und führte ihn in eine Herberge und trug Sorge für ihn.
> — Lukas 10,34 (Elberfelder Bibel (1905))

> Wer von diesen dreien dünkt dich der Nächste gewesen zu sein von dem, der unter die Räuber gefallen war?
> — Lukas 10,36 (Elberfelder Bibel (1905))

> Er aber sprach: Der die Barmherzigkeit an ihm tat. Jesus aber sprach zu ihm: Gehe hin und tue du desgleichen.
> — Lukas 10,37 (Elberfelder Bibel (1905))

## Ein Prüfungsgespräch über das Gesetz als Ausgangspunkt

Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter ist nur im Lukasevangelium überliefert, und seine Pointe erschließt sich erst durch das Gespräch, in das es eingebettet ist. In Lukas 10,25 tritt ein Gesetzesgelehrter auf, um Jesus auf die Probe zu stellen: Was muss ich tun, um ewiges Leben zu erben? Als Jesus die Frage an ihn zurückgibt – „Was steht in dem Gesetz geschrieben? Wie liest du?" –, antwortet der Gelehrte mit einer treffenden Zusammenfassung aus 5. Mose 6,5 (Gott von ganzem Herzen lieben) und 3. Mose 19,18 (den Nächsten lieben wie sich selbst). Jesus bestätigt seine Antwort und sagt schlicht: Tu dies, und du wirst leben.

## Vier Schritte durch Lukas 10,27–37

### Die Rückfrage, die das Gleichnis auslöst (Lukas 10,27–29)

Lukas merkt an, dass der Gesetzesgelehrte sich selbst rechtfertigen wollte und deshalb nachhakt: „Und wer ist mein Nächster?". In den Debatten jener Zeit wurde „der Nächste" häufig als Angehöriger des eigenen Volkes oder der eigenen Glaubensgemeinschaft definiert. Wer fragt, wo der Kreis endet, sucht nach einer Grenze – um zu wissen, wem er Hilfe schuldet und an wem er vorbeigehen darf.

### Die gefährliche Straße von Jerusalem nach Jericho (Lukas 10,30–32)

Jesus verlegt seine Erzählung auf eine Straße, die jeder seiner Zuhörer kannte. Der steile Abstieg von Jerusalem hinab nach Jericho führte durch wüstes, zerklüftetes Gelände, in dem Räuber leicht auflauern konnten. Ein Reisender wird überfallen, ausgeplündert, geschlagen und halbtot liegengelassen – ohne Kleidung und ohne Sprache, an der man seine Herkunft noch erkennen könnte. Zufällig kommt ein Priester denselben Weg herab, sieht ihn und geht auf der anderen Seite vorüber; ebenso ein Levit. Religiöses Amt und Wissen allein bewegen noch niemanden zum Anhalten.

### Erbarmen über alte Gräben hinweg (Lukas 10,33–34)

Nach den Regeln einer dreigliedrigen Erzählung hätten die Hörer nach Priester und Levit nun einen einfachen Israeliten erwartet. Doch Jesus lässt einen Samariter vorbeikommen. Zwischen Juden und Samaritern bestand eine tiefe religiöse und historische Entfremdung; erst ein Kapitel zuvor (Lukas 9) hatte ein samaritisches Dorf Jesus die Aufnahme verweigert, weil sein Weg nach Jerusalem führte. Als dieser reisende Samariter jedoch den Verwundeten sieht, wird er innerlich bewegt: Er geht zu ihm hin, verbindet seine Wunden, gießt Öl und Wein darauf, hebt ihn auf sein eigenes Tier, bringt ihn in eine Herberge und kommt für seine Pflege auf.

### Von „Wer ist mein Nächster?“ zu „Geh hin und tu du desgleichen“ (Lukas 10,36–37)

Am Ende fragt Jesus den Gelehrten, wer von den dreien dem Überfallenen zum Nächsten geworden sei. Bezeichnenderweise bringt der Gesetzeskundige das Wort „Samariter" nicht über die Lippen, sondern umschreibt ihn mit den Worten: „Der die Barmherzigkeit an ihm tat." Jesu Schlusssatz durchkreuzt jeden Versuch, Mitmenschlichkeit vorab einzugrenzen: Der Nächste ist kein Status, den wir zuerst beim anderen prüfen, sondern eine Haltung, in die wir selbst eintreten, wo immer uns Not begegnet.

## Fragen für das eigene Weiterlesen

Wenn du [Lukas 10](/de/bible/lukas) liest und über das Gleichnis nachdenkst, frage dich:

- Wo ertappst du dich bei der Frage „Wo hört meine Zuständigkeit auf?" statt zu fragen „Wie kann ich hier konkret helfen?"?
- Welche heutigen Formen von Eile oder Vorsicht halten uns davon ab, die Straßenseite zu wechseln, wenn jemand Hilfe braucht?
- Achte auf die praktischen Einzelheiten in Vers 34 (Zeit, Verband, Tragtier, Herbergskosten): Wie sieht tatkräftige Barmherzigkeit in deinem Alltag aus?

## Weiterlesen

Lies ein weiteres bekanntes Gleichnis des Lukasevangeliums in [Der verlorene Sohn](/de/stories/der-verlorene-sohn), entdecke Bibelstellen zum Thema [Liebe im Lesesaal](/de/topics/love) oder lies unsere Lektion [Die Seligpreisungen erklärt](/de/lessons/die-seligpreisungen-erklaert), in der Jesus den Barmherzigen Barmherzigkeit zusagt.

## FAQ

### Warum war ein Samariter für Jesu Zuhörer eine so überraschende Hauptfigur?

Nachdem Priester und Levit vorübergegangen waren, erwarteten jüdische Hörer im ersten Jahrhundert als dritte Person einen gewöhnlichen jüdischen Laien. Stattdessen wählt Jesus einen Samariter – Angehörige eines Volkes, das von Judäern durch jahrhundertelange religiöse und geschichtliche Feindschaft getrennt war.

### Wie sah der Weg von Jerusalem nach Jericho in der Antike aus?

Die rund siebenundzwanzig Kilometer lange Strecke fiel vom judäischen Bergland über tausend Höhenmeter steil ins Jordantal ab und führte durch unübersichtliche, felsige Schluchten, die für Raubüberfälle berüchtigt waren.

### Wie dreht Jesus die Frage des Gesetzesgelehrten am Ende um?

Der Gelehrte hatte gefragt: „Wer ist mein Nächster?“ – auf der Suche nach einer Eingrenzung. In Lukas 10,36 fragt Jesus zurück, wer von den dreien dem Überfallenen zum Nächsten geworden ist, und lenkt den Blick vom Einteilen anderer auf das eigene barmherzige Handeln.


## Sources

- [Lukas 10 (Elberfelder 1905)](https://api.getbible.net/v2/elberfelder1905/42/10.json)